Zertifikate – Casino Royal

Komplexe Wetten mit erheblichem Risikopotential – kein Insolvenzschutz – häufig hohe nicht ausgewiesene Kosten – erhebliche Beratungsdefizite


München, 17.10.2008; Nun platzt also die Blase aus phantasievollen sog. „Finanzprodukten“, die sich zum Teil als nichts anderes herausstellen als eine Art finanzieller Müllentsorgung. Ganz nebenbei erfährt man, dass nicht einmal die Handelsabteilungen von Großbanken eine konkrete Vorstellung hatten, was sich hinter bestimmten Papieren verbarg.

Unter Zertifikaten verstehen wir hier nicht die vielfach so bezeichneten Sparbriefe vorzugsweise von Sparkassen oder Genossenschaftsbanken. Zwar gibt es auch hier Übergangsformen, wie die sog. „Sportzertifikate“, die eine festverzinsliche Anlage mit einem Spielmoment würzen, wenn etwa an die Anzahl der Tore bei einer Weltmeisterschaft ein bestimmtes zusätzliches Zinsversprechen geknüpft wird. Das alles ist noch gut begreifbar, ob es sich für den Anleger rentiert, muss und kann er selber entsscheiden.

Vielmehr wenden wir uns einer neuartigen Gattung von Anlageprodukten zu, die kunstvolle von Finanzmathematikern erarbeitete Wetten auf bestimmte Annahmen der künftigen Marktentwicklung beinhalten. Diese Papiere sind rechtlich sog. Schuldverschreibungen mit modifizierter Rückzahlungsabrede. Es handelt sich um vorwiegend an Privatkunden vertriebene börsengehandelte Papiere, die nicht selten von den herausgebenden Banken direkt vertrieben werden.


Unübersehbare Vielfalt
Die Wette kann sich an bestimmten Aktienkörben oder Indices oder – im Falle sog Bandbreiten- oder Sprintzertifikaten“ innerhalb einer bestimmten Kursspanne an der noch durch einen Hebel gesteigerten Kursentwicklung eines bestimmten Basiswerts orientieren. Die Titel können sich an der Entwicklung von Rohstoffpreisen ebenso orientieren wie an der künftigen Zinsentwicklung. Neben hochspekulativen spekulativen Werten gibt es risikobegrenzte Angebote, sog. Airbag-Zertifikate“. Zwischenzeitlich gibt es weit über 100.000 derartige Papiere unterschiedlichster Prägung.

Diese Vielgestaltigkeit bringt nicht nur Vorteile. Sie führt auch zu einer erheblichen Intransparenz. So gibt es die unterschiedlichsten Barrieren in der Kursentwicklung, deren Überschreitung wiederum unterschiedlichste Auswirkungen hat. Wessen Papiere etwa eine Untergrenze bei Aktienindices vorsahen, der muss sich derzeit damit auseinandersetzen, dass der ursprünglich für unwahrscheinlich gehaltene Fall eintrat und die Hürde gerissen wurde. Vielfach sind dann Bonusmöglichkeiten verbraucht.

Die derzeitige Börsensituation dürfte sich auf die Ertragschancen solcher Titel überdurchschnittlich nachteilig auswirken.


Enge Märkte
Bedingt durch die Vielfalt und Unübersichtlichkeit des Angebots sind die Märkte für derartige Titel natürlich extrem eng. Sie leben davon, dass der Emittent einen gewissen Handel garantiert, was natürlich spätestens dann ein Problem wird, wenn dieser in Schieflage kommt. Dann tritt auch noch ein weiterer Nachteil zu Tage, nämlich der Umstand, dass diese Papiere keinem Einlagenschutz unterliegen. Virulent wird dies bei der insolventen US-Investmentbank Lehman Brothers, deren europäische Tochter hierzulande eine Vielzahl solcher Titel angeboten hat. Das daraus resultierende Risiko kann bis zum Totalverlust gehen.

Dies wird vor allem auch brisant im Zusammenhang mit einem Informationsrundschreiben der Dresdner Bank an ihre Vertriebsmitarbeiter, in dem schon vor der Insolvenz des Hauses Lehman Brothers vor einer entsprechenden Gefahr gewarnt wurde, verbunden allerdings mit dem Hinweis, dies den Wertpapierkunden nicht weiterzusagen. Hier könnten Warnpflichten verletzt worden sein, insbesondere bei dauerhaften Beratungsverhältnissen.


Kosten/Beratungspflichten
Grundsätzlich fallen beim Erwerb oder der Veräußerung von Zertifikaten keine Ausgabeaufschläge an. Es gibt die Differenz zwischen Ankaufs- und Verkaufspreis, der jedenfalls bei häufiger gehandelten Titeln deutlich unter 1 % liegt. Allerdings werden in den Papieren selbst nicht selten erhebliche Kosten oder auch Kalkulationsspannen eingepreist, die nicht offengelegt werden müssen und das Chancen-Risiko-Verhältnis zugunsten des Anbieters verschieben. Da man die Kalkulation nicht kennt, kann hier alles versteckt werden.

Nicht selten zahlen die Emittenten dritten Banken für die Vermittlung auch verdeckte Vergütungen, sog. Kickbacks, die zu Interessenkonflikten führen können und deshalb nach Lage der Dinge nach Art und Höhe offengelegt werden müssen.

Die Banken scheuen allerdings entsprechend klare Hinweise, was sie in die Haftung bringt. Es kommt hinzu, dass selten ausreichend auf die im einzelnen mit einem Papier verbundenen Risiken und Gefahren aufmerksam gemacht wird, sodass der Vertrieb jedenfalls der heißeren Titel der Gattung, sogenannter „Turbo“- oder „Hebelzertifikate“ oder div. Barrieretitel durchaus haftungsträchtig ist.

Es gelten natürlich auch die allgemeinen Regeln, nach denen derartige Produkte „anlegergerecht“ zu sein haben, was etwa dann verletzt ist, wenn wie in einem aktuellen Fall unserer Kanzlei einem 80jährigen Arzt derartige Titel „zur Altersvorsorge“ verkauft werden. Welche Bank das gewesen ist? ...